Begünstigen Beteiligung und Kultur die Wirtschaftskraft einer Region?
Oder ist es genau andersherum? Um die Rolle von Kultur im Strukturwandel ging es am 9. September im Neue-Perspektiven-Talk.
Der Verein Lausitzer Perspektiven e.V. und das Nachrichtenportal Neue Lausitz hatten in Kooperation mit der Bürgerregion Lausitz zum zweiten Mal in die Kirche mittendrin in Cottbus eingeladen. Zu Gast waren zwei sehr unterschiedliche Kulturprojekte: das Lausitzfestival, das mit vielen Strukturwandel-Mitteln international renommierte Kunst in der Lausitz präsentiert und nach viel Kritik versucht, den Anschluss an die Region zu verbessern. Und die Lübbenaubrücke, die 1999 als Kooperationsprojekt zwischen der Stadt Lübbenau und den dortigen Wohnungsunternehmen entstand und vor Ort viele partizipative Projekte organisiert.
Kooperationspartnerin der Veranstaltung war die Regionalgruppe Berlin-Brandenburg der Kulturpolitischen Gesellschaft, die mit ihrer Co-Sprecherin Dr. Sarah Zalfen auf dem Podium vertreten war. Als Referatsleiterin im brandenburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur brachte sie auch die Perspektive der Landesregierung in die Diskussion ein. Für die Lübbenaubrücke war Dr. Jürgen Othmer vor Ort, einer der Initiatoren des Projektes. Das Lausitzfestival vertrat Michael Höppner, leitender Dramaturg für den Bereich Bühne. Christine Keilholz, Chefredakteurin beim Nachrichtenportal Neue Lausitz, moderierte die Runde.
Von Links: Dr. Sarah Zalfen, Dr. Jürgen Othmer, Michael Höppner und Christine Keilholz
Kultur in der Lausitz – Was ist das eigentlich?
Natürlich brachten die drei Gäste unterschiedliche Vorstellungen von Kultur in der Lausitz mit in die Runde. Für Dr. Jürgen Othmer von der Lübbenaubrücke war und ist die Lausitz schon immer reich an Kultur. Manches Neues sei nach der Wende dazu gekommen, manches Verschwundene wurde und wird wiederbelebt. Viel Luft nach oben sieht er vor allem mit Blick auf die Vernetzung von Kulturschaffenden.
Dr. Sarah Zalfen von der Kulturpolitischen Gesellschaft betonte den Aspekt, dass Kulturpolitik auch Strukturpolitik sein kann. Sie verwies vor allem auf den Prozess mit vielen Kulturaktiven, an dessen Ende 2021 der Kulturplan Lausitz stand – eine gemeinsame Strategie zur Entwicklung der Kultur in der brandenburgischen und sächsischen Lausitz, die auch das Image und Selbstverständnis der Region prägen soll.
Für Michael Höppner vom Lausitzfestival hat Kultur in der Lausitz auch eine globale Perspektive – sowohl durch international renommierte Künstler*innen, die für das Lausitzfestival engagiert werden, als auch durch die Themen, die die Lausitz beschäftigen. Die Lausitz müsse sich als zentrale europäische Region begreifen. Kultur bietet Möglichkeiten, sich innerhalb dieses Zusammenhangs zu begreifen und zu identifizieren.
Über Kulturangebote zu beteiligen, bietet viele Chancen
Darin waren sich die Gäste einig – allerdings mit verschiedenen Perspektiven. Die Lübbenaubrücke entstand 1999 als Reaktion auf den Verlust des dortigen Kraftwerks, mit dem auch Identität und Infrastruktur verschwanden. Die Wohnungsunternehmen plagte vor allem der um sich greifende Leerstand. Aus einem Bürgerbüro heraus entwickelten sich dann im Rahmen der Lübbenaubrücke viele kleine Projekte. Das sichtbarste ist bis heute das Kulturzentrum Gleis 3 am Bahnhof.
In einem der ersten Projekte entwickelte eine Gruppe ehemaliger Kraftwerksmitarbeiterinnen eine Ausstellung über ihre Arbeit. Daraus entstand die Arbeitsgruppe Zeitgeschichte, die bis heute aktiv ist. Viel läuft bei der Lübbenaubrücke über die Kinder der Stadt, die zu Ferienangeboten oder anderen Veranstaltungen kommen und ihre Eltern im Schlepptau haben. So kommen sie mit der Lübbenaubrücke in Kontakt und klinken sich oft irgendwo ein. Die ehrenamtliche Nähwerkstatt kriegt so seit vielen Jahren Zulauf. Auch der Gemeinschaftsgarten sei so entstanden.
Dr. Jürgen Othmer plädiert für „klein anfangen“ und meint damit sowohl die Größe erster Projekte als auch die Menschen, über die Beteiligung am besten anzuschieben ist – über die Kinder. Investitionen in Kultur und Stadtentwicklung müssten Strukturen schaffen, die allein weiterlaufen können. Die Verstetigung sei das Entscheidende.
Die Beteiligung beim Lausitzfestival orientiert sich eher an Akteurinnen und Akteuren aus dem lokalen und regionalen Kulturbetrieb oder an Orten, die das Festival bespielt. Die Globalität des Stoffes mit der Spezifität des Aufführungsortes zu verknüpfen, sei die Herausforderung, so Michael Höppner. Beispielhaft erwähnte Michael Höppner den in diesem Jahr viel gelobten „Hamlet“, den das Lausitzfestival im Hangar 1 des ehemaligen Militärflughafens in Cottbus aufgeführt hat. Damit sei eine enge Kooperation mit dem Flugplatzmuseum entstanden. Der Chor des Cottbuser Kinder- und Jugendtheaters Piccolo war an der Aufführung beteiligt – ebenso wie der aus der Lausitz stammende Schauspieler Götz Schubert. Und für Michael Höppner bedeutet Beteiligung in diesem Zusammenhang auch, dass sich die Lausitzerinnen und Lausitzer vom Programm des Festivals angesprochen fühlen. 80 Prozent der Besuchenden kämen inzwischen aus der Lausitz.
Und welchen Einfluss hat nun Kultur auf den Strukturwandel?
Für Dr. Sarah Zalfen ist Kultur in verschiedensten Ausprägungen „der Humus für Lebensqualität“. Und die wiederum sei wichtig für die Menschen, die die Lausitz dringend als Fachkräfte halten und gewinnen muss. Kultur brauche es, um sich mit einer Region und Gemeinschaft zu identifizieren. Dazu zählten die Musikschule, Vereine, die Landschaft, Museen, Theater – all das, was man außerhalb der Arbeit nutzen aber auch gestalten möchte. Sie nahm damit Bezug auf die Frage, ob die Investitionen von Schwarz digits in Lübbenau auch etwas mit den Angeboten der Lübbenaubrücke zu tun hätten. Konsequenterweise müssten eigentlich heute mit Fördermitteln angesiedelte Industriebetriebe später dazu beitragen, kulturelles Leben zu fördern.
Cornelia Huth und Maximilian Grafe von Lausitzer Perspektiven, die das Podium zusammengestellt hatten, sehen im kulturellen Leben einen zentralen Standortfaktor, der Lübbenau auf dem Weg zu einem Hotspot des Strukturwandels unterstützt hat.
In die Diskussion mischte sich schließlich auch das Publikum. Michael Apel, ehemaliger Geschäftsführer bei der SKK Spremberger Kino und Kultur GmbH, verwies auf eine aus seiner Sicht ganz entscheidende Voraussetzung, die Lübbenau geschaffen habe – nämlich Räume. Projekte wachsen, weil sie Raum haben. Menschen engagieren sich, wenn sie Räume haben, die immer da und erreichbar sind.
Maysun Kellow, Vorständin des Kunstvereins Atelierhof Werenzhain e.V. in Doberlug-Kirchhain und Projektleiterin der openart Lausitz Biennale erzählte von ihrem Café-Betrieb, den sie mit einer Galerie verknüpfen. Viele Menschen aus dem Ort kämen eher, um einen Kaffee zu trinken, und kämen dann zufällig mit zeitgenössischer Kunst in der Galerie in Berührung.
Das betonte auch Dr. Sarah Zalfen: Kultur funktioniere dort, wo sich Unterschiede auflösen, wo das eine in das andere hineinwächst und Gemeinsames sichtbar und nutzbar wird. Die Wirkung von Kulturprojekten ließe sich schwer in Euro und Cent messen. Vielmehr entstünden durch Kultur Aktivität und Teilhabe, was wiederum das für wirtschaftliche Ansiedlungen verbessern kann.
Michael Höppner sieht das Lausitzfestival in Sachen Akzeptanz auf einem guten Weg. Es gäbe viele Möglichkeiten, die Menschen vor Ort zu beteiligen. Er plädiert für eine globale Perspektive, die zeigt, dass das, was hier passiert, nicht nur hier ist. So wie das Lausitzfestival international renommierte Exzellenz in die Lausitz holt, könne genauso die Lausitz mit Kunst und Kultur in die Welt hinausziehen und sich dort präsentieren.
Der Talk machte deutlich: Kultur ist mehr als ein Begleitprogramm des Strukturwandels. Sie kann Menschen zusammenbringen, Identifikation stiften und damit Voraussetzungen schaffen, auf denen sich die Zukunft der Lausitz entwickeln lässt.