Kultur bewegt Wandel
Im Gespräch über „Menschen machen Kultur“: Cornelia Huth und Maximilian Grafe füllen seit Januar 2025 unser Programm „Menschen machen Kultur“ mit Leben. Hier erzählen sie, wie sie ihre Arbeit verstehen und was Kultur im Transformationsprozess möglich machen kann.
Bürgerregion Lausitz: Liebe Cornelia, lieber Maximilian, was bedeutet der Programm-Titel „Menschen machen Kultur“ für euch?
Cornelia Huth: Für mich ist er angelehnt an den Slogan „Menschen machen Wandel“ der Bürgerregion. Kultur nimmt darin eine wichtige Rolle ein. Es geht um die Gestaltung des eigenen Lebens über die Arbeit und den Alltag hinaus. Um das gute Leben, um Interessen in der Vergangenheit, heute und in der Zukunft. Kultur hilft, sich zugehörig zu fühlen – innerhalb einer Gruppe, zu einer Idee oder auch zu einer Region.
Maximilian Grafe: Für mich ist Kultur ein sehr weiter Begriff. Es ist nicht nur die Oper, die im Tagebau stattfindet, sondern der Moment, in dem Menschen zusammenkommen, vielleicht gemeinsam ein Fußballspiel ansehen oder gemeinsam stricken, bauen oder spielen. Es geht darum, gemeinsam etwas zu machen und miteinander Zeit und Räume zu teilen. Kultur bietet die Möglichkeit, aus dem Alltag rauszutreten und anders über ihn nachzudenken.
Was sind Schwerpunkte in eurer Arbeit?
Cornelia Huth: Wir haben natürlich geschaut, welche Leerstellen uns begegnen oder wo wir unterstützen können. Manches braucht vielleicht einfach nur Übersetzungsarbeit, Mut oder Ressourcen, um den nächsten Schritt zu machen. Das Beantragen von Fördermitteln ist da ein ganz typisches Beispiel. Ein besonderer Schwerpunkt liegt deshalb auf Kulturschaffenden im Ehrenamt, die mit ihrer Arbeit ganz wichtige Impulse setzen.
Was meint ihr mit Übersetzungsarbeit?
Maximilian Grafe: Wir sehen uns an der Schnittstelle zwischen Kulturschaffenden und Menschen in der Verwaltung, Kulturförderung und regionaler Entwicklung. Sie sind alle Expertinnen und Experten in ihrem eigenen Bereich. Und obwohl sie vielleicht das Gleiche wollen, finden sie manchmal nicht gut zueinander, weil sie die jeweils andere Seite nicht verstehen.
Wo es Kulturschaffenden manchmal schwer fällt, die Wirkung ihrer Arbeit zu formulieren, sieht das Gegenüber manchmal nicht den Wert von Kultur für das Zusammenleben.
Könnt ihr das anhand eines Beispiels beschreiben?
Maximilian Grafe: Sehr gern. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz ist mit einem Antrag bei einem großen Bundesprogramm für Kultur gescheitert. Im Nachhinein betrachtet, stellt sich die Frage, ob die Vorteile des Projektes für alle Entscheiderinnen und Entscheider im Landkreis ausreichend deutlich geworden sind. Diese Art von Vermittlungsarbeit im Vorfeld und hinter den Kulissen scheitert oft an zeitlichen Kapazitäten, aber auch an unterschiedlichen Sprachwelten bei denen, die den Antrag schreiben, und denen, die darüber entscheiden. Wir sehen uns genau dazwischen, kennen Bürokratie und Kreativität und wollen mehr Verständnis füreinander schaffen.
Cornelia Huth: Ein ähnliches Beispiel ist das Thema „Eigenanteile“ bei Förderprogrammen. Wenn ich als Kulturschaffende die Kommune dafür gewinnen möchte, den Eigentanteil für eine Förderung zu über-nehmen, muss ich das Projekt passgenau vorstellen, den Beteiligungsbegriff und die Vorteile für die Kommune genau herausarbeiten. Es geht darum, Verständnis füreinander zu schaffen, im Gespräch zu sein und beidseitige Augenhöhe herzustellen.
Maximilian Grafe: Im Falle des Netzwerkes Oberspreewald-Lausitz hat nun der Landkreis die Initiative ergriffen und uns um Unterstützung gebeten, damit das Netzwerk, was im Zuge des Antrages entstanden ist, bestehen bleibt und stärkere Strukturen entwickelt, mit denen sich was machen lässt. Da helfen wir natürlich gern.
Was gehört denn aus eurer Sicht ganz klar zur Kultur in der Lausitz?
Cornelia Huth: Wir müssen da gar nicht so sehr in Sparten denken. Es gibt in jedem Bereich unzählige Angebote in der Lausitz. Das war zum Beispiel bei der Auftaktveranstaltung zur openart Lausitz Biennale zu sehen. Die kulturelle Vielfalt in der Lausitz ist groß. Für mich gehört zum Beispiel das kulturelle Erbe der Region dazu – mit der starken Bergbau-Tradition und dem sorbisch-wendischen Leben. Ich halte es auch für sehr wichtig, dass der Strukturwandel in unserer Region viel älter ist als die jetzige Abkehr von der Braunkohle.
Maximilian Grafe: Ich komme aus dem Bereich der darstellenden Künste und sehe natürlich die starke Theatertradition in der Region. Da gibt es neben Cottbus noch ganz viel anderes. Auch die zahlreichen Festivals finde ich spannend. Die müssen gar nicht so groß sein wie die Wilde Möhre in Drebkau oder das Feel Festival am Bergheider See. Kleinere Beispiele wie das Pfingstrock Festival in Herzberg oder das Witaj Festiwal in Nebelschütz werden oft ehrenamtlich auf die Beine gestellt.
Wie seid ihr bei der openart Lausitz Biennale eingebunden?
Cornelia Huth: Wir haben uns dafür eingesetzt, regionale Beteiligung zu stärken. Es gibt jetzt unter anderem die Sparte OPEN SPACES / OFFENE RÄUME, in der sich lokale Kulturaktive, Initiativen, Vereine und gemeinnützige Träger mit einem Projekt bewerben können, was sie während der Biennale in ihrem Landkreis anbieten wollen. Derzeit bauen wir dafür die Jury aus Bürgerinnen und Bürgern sowie Kulturschaffenden auf.
Was macht Kultur für Transformationsprozesse wie den Strukturwandel so wichtig?
Cornelia Huth: Wir brauchen ein Miteinander und Orte, an denen wir zusammenkommen können, wo wir Zugehörigkeit zur Region spüren. In all dem Wandel, der auch anstrengend ist, dürfen die Momente nicht verloren gehen, in denen wir uns wohlfühlen und uns austauschen.
Maximilian Grafe: Mit Kultur entdecken wir Überschneidungspunkte mit Menschen, mit denen wir sonst nicht zusammenkommen. Wir teilen vielleicht eine gemeinsame Freude, wenn wir Energie Cottbus zujubeln, obwohl wir sonst ganz unterschiedlich sind. Das kann Differenzen überbrücken. Außerdem kann Kultur komplexe und anstrengende Prozesse verständlich und erfahrbar machen.
Cornelia Huth: Mir ist noch wichtig, dass Transformation ein Zukunftsbegriff ist. Kulturelle Formate geben Raum zum Träumen und Fragen: Was könnte sein in der Zukunft? Wo ist dann mein Platz? Das kann Energien freisetzen.
Kultur ist eine Antwort auf die Sorge, dass die Menschen den Strukturwandel nicht wahrnehmen. Es fehlt oft an Vorstellungskraft für das, was kommt. Diese Brücke lässt sich mit Kultur schlagen.
Gibt es ein aktuelles Projekt, was das enthält, was ihr gerade beschrieben habt?
Maximilian Grafe: Ein fester Bestandteil von Kultur ist das Spielen. Menschen spielen gerne, habe Freude an Rätseln. Diese Leidenschaft wollen wir mit einem mobilen Escape-Room zum Thema Strukturwandel nutzen und eine Auseinandersetzung mit der Region anregen. Dinge, die ich beim Rätseln oder Spielen lerne, beschäftigen mich länger als die Dinge, die in einem Vortrag an mir vorbeigerauscht sind. Diesen mobilen Escape-Room wollen wir in einem Beteiligungsprozess entwickeln und dann damit auf Festen zu Gast sein.
Warum braucht es aus eurer Sicht das Programm „Menschen machen Kultur“?
Cornelia Huth: Mit „Menschen machen Kultur“ ergänzen wir den oft eher technokratisch erzählten Strukturwandel um eine weitere Dimension. Je größer der Abstand zwischen Entscheidenden und den betroffenen Menschen ist, desto schwieriger wird es, Akzeptanz zu gewinnen. Wenn wir die Menschen beteiligen, wächst Ver-ständnis auf beiden Seiten. Die Tür öffnet sich. Und das Scharnier in dieser Tür kann Kultur sein, die sich mit unterschiedlichen Formaten den Interessen und Wünschen
der Menschen annimmt. Kultur kann helfen, die eigene Situation besser zu verstehen, wenn sie erzählt oder erfahrbar macht, wie es woanders schon mal war, oder wenn sie aktuelle Entwicklungen weiterdenkt. „Gemeinsam gelingt uns Strukturentwicklung durch Kultur“, so hieß es bereits in den Grußworten zum Kulturplan Lausitz (Klepsch, Barabara und Dr. Schüle, Manja, 2020: Lausitz Kultur – Grußworte).
Kulturschaffende bringen Fähigkeiten mit, mit denen sie auf verschiedene Menschen zugehen können. Die sollten wir nutzen. Für ein demokratisches Zusammenleben ist es wichtig, dass wir uns dafür Zeit nehmen. Dann erleben sich die Menschen als Teil der Demokratie. Was gibt es Wichtigeres?
Dieses Gespräch haben wir im Rahmen unseres Projektberichts zum Jahr 2025 geführt. Der gesamte Bericht kann in unserer Mediathek heruntergeladen werden.